Anti-Discrimination Future Project

Nichtnormatives Kinderbuchkonzept

Unser hauptsächlicher Antrieb, ein Konzept für nichtnormative antidiskriminierende Kinderliteratur zu entwickeln, war die Wahrnehmung, dass die meisten Kinderbücher ihre Geschichten in einem Setting ansiedeln, das sehr eingeschränkte, traditionelle, rigide Familienstrukturen und Geschlechterrollen reproduziert.

Wir stellen fest, dass in den meisten Kinderbüchern Eltern als heterosexuell und dominanten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit entsprechend dargestellt werden. Sie sind darüber hinaus oft durchgängig liebevolle und fürsorgliche, harmonische, verständnisvolle und vernünftige Ehepaare, was unserer Ansicht nach sehr oft nicht der Realität von Kindern entspricht. Diese Art der Darstellung entwirft ein Ideal von einer „normalen“ Familie und grenzt diejenigen aus, deren Familien diesem Ideal nicht entsprechen. Dies hat zur Folge, dass Kinder sich als Außenseiter fühlen, allein weil ihre Familien von dieser vorgefertigten etablierten (und idealisierten) Norm abweichen. Sie fühlen sich als Ausnahme, obwohl in der Realität dieses normative Ideal der sprichwörtlichen „Bilderbuchfamilie“ die Ausnahme darstellt.

Diese Feststellung hat uns dazu gebracht, unser Konzept für nichtnormative Kinderliteratur zu entwickeln. Dabei wollen wir nicht nur Themen rund um Familienstrukturen aufgreifen, sondern auch andere Arten von Diskriminierung einbeziehen (z.B. auf der Grundlage von Geschlecht, Migrationshintergrund, sexueller Orientierung...). Dies ist unserer Meinung nach notwendig, da es nicht möglich ist, Mechanismen sozialer Ausgrenzung zu bekämpfen, indem nur ein einziges Diskriminierungsmerkmal in den Blick genommen wird, während andere ignoriert werden.

Unserem Konzept zufolge sollen Geschichten für Kinder sich nicht auf die mutmaßlichen Abweichungen von normativen Idealen konzentrieren. Indem – häufig in gut gemeinter Absicht – die vorgebliche „Andersartigkeit“ von nicht der Norm entsprechenden Eigenschaften oder Lebensentwürfen in den Mittelpunkt gestellt wird, wird die Norm selbst zunächst bestätigt. Selbst wenn in solchen Büchern anschließend vermittelt wird, dass diese „Anderen“ „trotzdem“ „ganz normale Menschen“ seien, ist im Grunde nochmals bestätigt worden, dass „normale“ Menschen aber ganz anders leben als die, um die es in der jeweiligen Geschichte geht. Um Kindern diese Aufteilung in „Normale“ und „Abweichende“ nicht erneut vorzuexerzieren und damit als Sichtweise zu verfestigen, sollten Geschichten für Kinder unserer Meinung nach ein breites Spektrum an Identitäten, Lebensentwürfen, Hintergründen und Orientierungen als Normalität präsentieren. Dies geschieht, indem das Setting, in dem Geschichten angesiedelt werden, eine große Bandbreite an Optionen als Hintergrundnormalität enthält. Die verschiedenen Optionen werden nicht hierarchisiert, sondern sind alle gleichermaßen „Normalität“.

Unser Buch soll sich nicht um anderer Leute Fehler in der Darstellung von Realität drehen. Im Gegensatz dazu wollen wir die entsprechenden Thematiken aus einem Minderheiten-/exotischen Status herauslösen.

Unser Anliegen ist es, ausgrenzenden Mechanismen in der gegenwärtigen Gesellschaft entgegen zu wirken, indem wir eine nahezu utopische Akzeptanz so genannter „abweichender“ Identitäten und Lebensentwürfe vorweg nehmen. Wir hoffen, Kinder ermutigen zu können, Umgebungen zu finden, in denen sie so sein können, wie sie sind, anstatt versuchen zu müssen, sich auf eine Weise anzupassen, die ihrem Selbst widerspricht.

Wir möchten eine Freiheit im Denken anregen, ohne moralische Einschränkungen, um die vorgegebenen Alternativen zu durchbrechen und verschiedene Werte und Optionen nicht zu hierarchisieren. Dass verschiedene Werte und Optionen im allgemeinen hierarchisch strukturiert sind, liegt an einer Bestimmung des „Normalen“ und „des Anderen“. Wir wollen diese Hierarchisierung, die zu sozialer Ausgrenzung führt, überwinden, indem wir „das Anderen“ zum Bestandteil von Normalität machen und damit diese Kategorien auflösen. Unser Ziel ist es also, „Normalität“ als Konzept gänzlich zu dekonstruieren und abschaffen, weil die Vorstellung von „Normalität“ an sich nicht ohne Ideen von „wir“ (das normative Kollektiv) und „die anderen“ existieren kann.

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